• Julia Rohde

DIE "GERMAN ANGST" - WAS IST DAS UND WARUM WIR DAGEGEN ANGEHEN SOLLTEN

Aktualisiert: 26. Okt 2018

German Angst - längst nicht mehr irgendein Wort, sondern international genutzt für unsere in den Genen tief verankerte Tendenz ängstlich zu sein, uns vielfach abzusichern und keine Risiken einzugehen. Wir sehen alles negativ und können auch nicht davon abgebracht werden.


Uns Deutsche kennt man international als Bedenkenträger, ernste Zeitgenossen und generell nicht "easy going". Dass das tief in unseren Genen verwurzelt ist, darüber sind sich mittlerweile viele Wissenschaftler einig. Doch wie wirkt sich diese "German Angst" auf uns alle aus?


Ich selbst habe sie gerade sehr deutlich als Teil meines Lebens zu spüren bekommen. Bei einem meiner "Jobübergänge" lag die Entscheidung auf dem Tisch, weiterhin für jemanden zu arbeiten, oder für mich selbst. Viele schlaflose Nächte und noch anstrengendere Tage liegen hinter mir - auch heute noch kommen sie zwischendurch zurück, diese Momente der Angst, ob das alles so richtig war, ob es nicht besser gewesen wäre, den sicheren Weg zu gehen. Aber ich habe mich gegen alle Ängste entschieden und habe auf mein Bauchgefühl gehört. Ein Freund sagte mal "da wo die Angst ist, da gehts lang". Und so einfach es klingt, so wahr ist es auch.


Unserer Gesellschaft geht es rein wirtschaftlich so gut wie lange nicht mehr. Auch wenn es natürlich viele Menschen gibt, die am Existenzminimum leben, so geht es uns, im Vergleich zu vielen Nachbarländern vergleichsweise, auch durch unser Sozialsystem, sehr gut. Doch genau hier liegt schon eine der Schwierigkeiten. Das Sozialsystem brauchen wir, weil wir Angst haben. Ebenso alle möglichen (und unmöglichen) Versicherungen - Hauptsache wir sind abgesichert.

Forscher meinen, das läge an den 2 Weltkriegen und der Nachkriegszeit, denn Kriege können das Erbgut nachhaltig verändern und so dazu führen, dass wir als Menschen übervorsichtig und "überversichert" sind, alles ein Netz und doppelten Boden braucht und am Ende das Wagnis doch nicht eingegangen wird, da die Angst zu gross ist. Dass wir genetisch verändert sind, daran gibt es keinen Zweifel, welches Ereignis genau der Auslöser war, bleibt allerdings Spekulation. Wir ändern unsere Lebensweise, wenn wir über Vogelgrippe und BSE lesen, horten Jod für den Fall, dass eins der französischen Kraftwerke auf einmal Radioaktivität freisetzt - es gäbe noch viele Beispiele für die "German Angst".


Laut einer Umfrage der "Welt" sind die grössten Ängste bei uns Deutschen die vor finanziellen Sorgen (Steuerlast) hervorgerufen durch eine Eurokrise - mit 60%, direkt gefolgt von der Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten mit 58%. Auf Platz drei dann die Naturkatastrophen mit gut 50%, auch wenn wohl kaum ein Deutscher je grossartig davon betroffen sein wird, ausgenommen der Gebiete, die seit langem als anfällig bei z.b. Hochwasser gelten. Man würde meinen, die Ängste sind persönlicherer Natur. Aber diese Umfrage und auch viele andere belegen das Gegenteil.

Und ist es nicht verwunderlich, dass unsere Ängste so gross sind, dass wir nicht mehr rational handeln können, obwohl es uns doch eigentlich gut geht? wieso haben wir vor Allem, egal ob beeinflussbar oder nicht, so viel Angst?

Interessant ist auch eine Studie, die Augenzeugen des 11. Septembers untersuchte und zwar im Hinblick auf genetische oder sonstige Veränderungen der Gehirnregionen, und auch hier wurde festgestellt, dass diese Menschen sich genetisch verändert hatten. In ihrem Fall wurde ein Gen, welches für die Stresssteuerung und somit Kortisol-Aussschüttung benötigt wird, deaktiviert. So konnte auf Stress und Angst nicht mehr angemessen reagiert werden. Ähnliche Studien in anderen Krisengebieten (z.b. in Afrika) bestätigen diese Ergebnisse.


Ist es also wirklich so, dass unsere Vorfahren daran schuld sind, dass wir so ängstlich sind? Mit grosser Wahrscheinlichkeit ja. Das Gute: die letzten Studien zeigen einen leichten Rückgang der Ängste. Die weniger gute Nachricht: bis sich unsere Angst normalisiert hat, wird aber wohl noch viel Zeit vergehen.


Doch wie können wir besser mit der Angst umgehen?

Zu allererst sollten wir versuchen, unsere Sprache anzupassen! Das klingt vielleicht eigenartig aber hat einen guten Grund: Die deutsche Sprache schürt die Angst zusätzlich - durch Worte wie z.b. "Existenzgründung" statt "Unternehmensgründung". Existenz klingt ungleich bedrohlicher und lässt weit mehr überlegen, ob es sinnvoll ist, als eine normale Unternehmensgründung. Beobachten Sie sich selbst und hören sich selbst zu, wie blockierend oder angstunterstützend ihre Wortwahl ist und gehen sie bewusst dazu über, andere Worte zu benutzen.


Darüber hinaus sollte man sich Ängsten stellen und diese nicht verdrängen.

Die erste und wichtigste Frage sollte sein: Was kann ich WIRKLICH beeinflussen?

Warum habe ich Angst vor etwas, von dem ich nicht einmal weiss, ob es überhaupt ein- oder zutrifft? Ich nehme so viel vorweg, ohne eine genaue Ahnung zu haben, ob und wenn überhaupt wann etwas passiert. Diese Angst ist die erste, die ich versuche abzustellen. Es ist sinnlos, sich vor Dingen wie Hochwasser zu ängstigen. Denn wenn es kommt, kommt es sowieso unvorbereitet. Dann sollte ich nicht blockiert sein durch vorherige Angst sondern in der Lage, rational zu handeln. Kommt es angekündigt, brauche ich keine Angst haben, da ich es ja weiss und somit nicht zu schaden kommen werde. Viele Ängste können so überlistet werden.


Aber was ist mit den beeinflussbaren Situationen?

Jede Angst sollte man hinterfragen. Was kann mir schlimmstenfalls passieren? ist wirklich meine Existenz so sehr bedroht, wie ich es in dem Moment empfinde? Etwas, was ich beeinflussen kann, sollte ich positiv beeinflussen, und dafür gibt es etwas, was sich Instinkt nennt. Viele Menschen haben ihn sehr verdrängt, aber wenn man tief in sich hinein hört, weiss man, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist, und das ist meist nicht vom Kopf gesteuert. Der kann durch so viele Einflüsse oder Manipulationen falsche Entscheidungen als gut suggerieren, so dass man immer hinterfragen sollte, ob es wirklich logisch und richtig ist, was ich da tue oder mir mein Hirn mal wieder einen Streich spielt.

Nehmen wir z.b. einen Menschen, der einem anderen Menschen hörig ist - wie die Frau, die immer wieder zu ihrem schlagenden Mann zurück kehrt. Versucht man, diesen Menschen zu helfen, ist die Therapie nicht die des Bauchgefühls oder des Herzens, es ist immer die Psychologische, also die des Gehirns.

Der Instinkt ist etwas, was uns nicht betrügt. Tiere machen es uns vor. Achten Sie mal darauf, wie sich die Tiere verhalten, bevor es ein Gewitter gibt. Sie werden sehen, noch bevor der erste Tropfen fällt oder man den ersten Donner hört, wissen Tiere schon lang, dass es gleich ein Gewitter gibt und werden entweder unruhig oder verkriechen sich.


Schauen wir nun auf das Berufsleben. Kennen Sie diese Angst, wenn Sie zu einem Meeting eingeladen werden mit ihrem Chef oder anderen wichtigen Personen, und nicht wissen warum? Meist malen sich Menschen das Schlimmste aus, bis hin zu "gleich verliere ich meinen Job". Aber warum denn? Hätten Sie in der letzten Zeit etwas getan, was das rechtfertigen würde, wäre das Meeting wohl kaum aus heiterem Himmel gekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist also sehr gering. Sollte es dennoch passieren, dann ist es etwas, was sie offensichtlich nicht beeinflussen konnten, z.B. eine Betriebsauflösung, -Übernahme oder Restrukturierung und Sie haben einfach Pech gehabt. Sie hätten also der beste Mitarbeiter sein können, auf Grund der Sozialauswahl (auch etwas, was wir Deutschen benötigen, weil wir unseren Ängsten den Vortritt lassen) werden Sie entlassen. Was genau bringt Ihnen also die Angst vorher? Maximal den Satz "ich habe es doch gewusst". aber ändert es etwas an der Situation oder der Lösung? Nein.

Im Laufe meiner Karriere hatte ich oft Kollegen, die nicht sonderlich entscheidungsfreudig waren (nennen wir es mal freundlich so). Immer wieder kam die Angst auf den Tisch, etwas falsch zu machen. Nun ja, wer nichts macht, macht nichts falsch - und spätestens da wird es für uns schwierig, denn wir haben auch diesen inneren Antrieb in uns, effektiv zu arbeiten, auch dafür sind wir bekannt. Was geht nun vor? Die Angst? oder der Anspruch gute Arbeit abzuliefern? Und jetzt passiert etwas kurioses, denn unser Gehirn schafft es, die Angst so auszulegen, dass man ja nur will, dass alles PERFEKT ist, und es darum noch nicht zu Ende gebracht bzw entschieden wurde. Und genau das ist das Problem. Falscher Perfektionismus. Egal was Sie tun, es wird NIEMALS für alle perfekt sein, machen Sie sich davon frei, denn jeder stellt sich etwas anderes unter "perfekt" vor. Treffen Sie Entscheidungen, tun Sie das, was sie für richtig halten! Entscheidungen können falsch sein, aber gar keine Entscheidungen bringen die Dinge zum Stillstand - und Stillstand ist nie gut für ein Unternehmen.

Denken Sie darüber nach, wo Sie einen leichten Anfang machen können und arbeiten Sie sukzessiv an diesem Thema. Sie werden sehen, mit der Zeit verändert man sich automatisch und viele Ängste von früher erscheinen plötzlich überzogen.


Verlässt man sich mehr auf sich und seine Instinkte, kann man viele Ängste in Schach halten, ja vielleicht sogar ablegen. Aber machen wir uns nichts vor. Das passiert nicht über Nacht.

Aber: wer nicht beginnt, wird nie ans Ziel kommen!


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