• Julia Rohde

PROKRASTINATION - DAS GLÜCK DES AUFSCHIEBENS

Aktualisiert: 26. Okt 2018

Wir alle kennen ihn, den Moment, in dem wir bewusst oder unbewusst Dinge aufschieben. Meistens haben wir dabei ein schlechtes Gewissen, aber müssen wir das? Grundsätzlich nicht... 


Manchmal einfach die Seele baumeln lassen - das ist nicht nur wichtig für unser Wohlbefinden, sondern auch, um Prioritäten zu setzen

Immer wieder erwische ich mich selbst, wenn ich Dinge aufschiebe, mir selbst sage "das kann ich auch morgen machen". Früher hatte ich oft ein schlechtes Gewissen deswegen, heute weiss ich, wie wichtig diese Art des Aufschiebend für mich ist. 

Prokrastination - die Erkenntnis, dass man Dinge nur unter Druck fertig stellen kann, Dinge aufschiebt und sich lieber selbst belohnt mit anderen Tätigkeiten. Aber warum ist der Begriff so negativ belegt?

Betrachtet man - ganz losgelöst von unserer Tendenz zur Bequemlichkeit - diese Definition, ist für mich grundsätzlich erst einmal nichts Negatives zu erkennen. Manager predigen von Priorisierung, der 80 / 20 Regel und anderen ganz intelligenten Techniken, um möglichst effektiv zu arbeiten. Dabei liegt die Lösung auf der Hand, denn im Grunde ist Prokrastination nichts anderes. 

Menschen schieben Dinge auf,  tun stattdessen Dinge, die belohnender sind. Daran ist erst einmal nichts falsch! Tim Urban, ein bekannter US amerikanischer Schriftsteller, hat einst die Diagnose bekommen, er sei "krankhaft" betroffen - und hat einen Weg für sich gefunden, dies positiv zu nutzen. Seitdem hält er Vorträge und veröffentlicht Bücher darüber. 

Auch aktuelle Studien zeigen deutlich, dass Aufschieben an sich nicht unbedingt negativ sein muss, wie viele Psychologen behaupten würden. Viel mehr ist es wichtig, WIE man etwas vertagt. 

Rein psychologisch tendiert jeder Mensch dazu, eher eine Aufgabe anzugehen, bei der er direkt eine Belohnung (wie auch immer geartet) erhält als eine Aufgabe, die mehr Arbeit benötigt, um eine Belohnung zu erhalten. Doch warum schieben einige Menschen mehr, andere weniger auf? Das liegt wiederum an unserem Charakter.

Ich persönlich arbeite in Teams gern mit dem DISG Modell, welches ich hier auch zur Erklärung nutzen möchte: in DISG gibt es 4 Grundtypen - Dominant, Initiativ, Stetig und Gewissenhaft. Welcher dieser Typen neigt wohl am ehesten und welcher am wenigsten dazu, Dinge zu vertagen?

Grundsätzlich kann man sagen "je emotionaler, desto mehr prokrastiniert ein Mensch", heisst also im Umkehrschluss der gewissenhafte Typ schiebt wesentlich weniger Dinge auf, als der initiative Typ. Das wiederum bedeutet aber auch, dass ein gewissenhafter Typ wesentlich schlechter priorisieren kann. Es hat also alles seine Vor- und Nachteile. Einige Studien gehen noch weiter und behaupten, die Tendenz zur Prokrastination sei teilweise bis zu 50% genetisch bedingt. 

Beobachte ich mich selbst, so fällt mir besonders auf, dass ich sehr selten Dinge aufschiebe, die Probleme lösen und die eigene Phantasie und Kreativität anregen. Auch das ist nicht selten. Viele Menschen neigen dazu, sinnlose, stumpfe oder Aufgaben, deren Hintergrund sie nicht verstehen aufzuschieben. Das wird dann zum Problem, wenn man eine Tätigkeit ausübt, die man nicht mag oder mit einem Chef oder Team ohne oder mit schlechter Harmonie arbeitet. 


Wo aber ist die Grenze zwischen Prokrastination und Faulheit? Grundsätzlich ist wichtig zu sagen, dass das Aufschieben an sich nichts mit Faulheit zu tun hat! Viele Chefs bewerten ihre Mitarbeiter nach ihrem eigenen Prioritätenprinzip, was am Ende dazu führt, dass beide, Chef als auch Mitarbeiter, unzufrieden sind. Warum? Der Mitarbeiter kennt die Deadlines und priorisiert wie oben beschrieben die Aufgaben grundsätzlich nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. Danach folgt das Belohnungsprinzip. Der Chef dagegen sieht sich anders belohnt und hat wenig Verständnis für die Priorisierung seines Mitarbeiters. Da hilft dann am Ende nur eine gute Kommunikation. 

Diese ist nicht nur wichtig zur guten Abstimmung: Wenn ich nicht verstehe, warum ich etwas tun soll oder wie der Weg zum Ziel sich gestalten könnte, und dann sogar noch das Gefühl habe, dass mein Vorgesetzter / Projektleiter / Auftraggeber unzufrieden ist, hinterfrage ich mich und meine Leistungen immer mehr, werde unsicher und befinde mich am Ende in einer ausweglosen Situation voller Selbstzweifel, obwohl ich für mich gefühlt das Richtige getan habe.  

Prokrastination ist in manchen Bereichen sogar positiv! Gerade in kreativen Berufen kann man nicht immer auf Knopfdruck Ideen finden und neues entwickeln. Hier hilft es, sich eine Auszeit zu nehmen, das Thema aufzuschieben und am Ende wesentlich effektiver und vor allem oft mit weitaus besseren Lösungen zum Ziel zu kommen. Hier könnte man berühmte Persönlichkeiten wie Da Vinci oder Darwin nennen, bekennende "Aufschieber" jeglicher Arbeit, die für sie sinnfrei ist - ebenso der Schriftsteller Timothy Ferriss, welcher in seinem Buch "die 4 Stunden Woche" ganz bewusst entscheidet, richtig zu priorisieren und den Rest zu delegieren oder prokrastinieren. 


Aber wo genau beginnt denn nun die Faulheit? Leider verstecken sich faule Menschen gern hinter diesen Fakten und nutzen sie als Ausrede für ihr Nichtstun. Allerdings fliegen sie genauso schnell auf: ein prokrastinierender Mensch ist generell sehr aktiv, fleissig und hoch produktiv, da er immer wieder priorisiert, tendenziell schnell Ergebnisse vorweisen kann (da er, wie oben beschrieben, dazu tendiert, schnell erreichbare, selbstbelohnende Dinge zuerst anzugehen, wenn nichts Dringenderes anliegt) und somit belegen kann, dass er arbeitet, und das meist auch noch sehr effektiv. Das bleibt bei faulen Menschen aus. 


Somit hat man als Vorgesetzter, Teamleiter oder in welcher übergeordneten Funktion auch immer folgende Aufgaben: 


  1. Faulheit darf nicht toleriert werden! Wir müssen das Team und auch die betroffene Person davor "beschützen", denn Faulheit führt am Ende zum Stillstand. 

  2. die richtige Kommunikation der Ziele an die Person, so dass auch klar ist, was genau getan werden soll, ggf das Aufsplitten von Aufgaben, um eine bessere und schnellere Belohnung der Ergebnisse zu erreichen.

  3. Nicht die eigenen Werte auf Mitarbeiter übertragen, wenn ihnen die Wahl gelassen wird und nur ein Endzeitpunkt festgehalten wurde. Das frustriert beide Seiten. 

Bleibt festzuhalten, Prokrastination hat einen viel schlechteren Ruf als sie verdient, denn richtig eingesetzt und gut genutzt birgt sie viele Vorteile, genug Freiraum zur persönlichen Entfaltung und am Ende gute Ergebnisse. 



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